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Trophäen


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Rezension von

Thomas Stumpf

Trophäen Der Romanerstling von Isabella Feimer ist eine Wucht. Sprachgewaltig nimmt uns die Österreicherin mit auf eine dunkle Reise. Dabei kleiden wunderschöne Worte eine heftige, böse Geschichte in ein hypnotisches Gewand. Die Sogkraft des Textes entfaltet sich gleich von Anfang an und zieht den Leser bis zum schrecklichen Ende in den Bann. Geschuldet ist dies dem außergewöhnlichen Stil der Autorin und man fragt sich: wie schön kann man eine derart abtrünnige Story erzählen? Das vorliegende Romandebüt „Trophäen“ (erschienen im Wiener Braumüller Verlag) hebt sich vor allem durch seine sprachliche Eleganz deutlich aus der Masse von Veröffentlichungen hervor. Man muss das aber auch mögen: Ellenlange Sätze, die sich über zwei Seiten erstrecken, kreativ gesetzte Kommata, die nahezu jedes andere Satzzeichen verdrängen und die eher Gedankengänge als Worte und Satzteile untergliedern. Jeder Satz innerhalb der 46 Kapitel bildet zugleich einen eigenständigen Absatz. Zahlreiche Anaphern verleihen dem Text eine mantraartige Note. Diese und Ellipsen, denen bevorzugt Verben zum Opfer fallen, sind die vorrangig gewählten Stilmittel der Autorin. Dies konnte man bereits in ihrer kleinen „Novelle einer überschaubaren Apokalypse“ erkennen. Effektvoll dosierte Neologismen tragen ebenfalls zu dem kunstvoll arrangierten Gesamtgefüge bei. Worte wie „jugendstilverziert“ oder „schatzkistenversperrt“ stehen in ihrer Schönheit einer Shakespear´schen Wortkreation wie „unsternbedroht“ in nichts nach. Ein Text, der geradezu danach schreit, laut gelesen zu werden. Um das Ganze noch zu toppen, fügt Feimer ihrer Erzählung noch eine kafkaeske Wendung bei, denn die Protagonistin verwandelt sich langsam in eine Krähe. Höhepunkt ist dabei sicherlich das in den Text gewebte Gedicht „Was sieht die Krähe, wenn sie fällt?“. Doch bei alledem hat „Trophäen“ mehr zu bieten als sprachliche Kunststücke. Als Leser erwartet man im Falle eines Romans vor allem eine ansprechende Handlung. Und die Geschichte, die hier erzählt wird, ist ein echter Horrortrip. Es geht um zwei Schwestern, deren Leben nicht unterschiedlicher sein könnten. Die namenlose Protagonistin hasst ihr „Schwesterchen“ (Natalia) seit der Kindheit, denn Natalia ist schon in jungen Jahren durchtrieben und bösartig, hat jedoch die Fähigkeit, ihre Umwelt nach Belieben zu manipulieren und mit allen Schandtaten davonzukommen. Eine Fähigkeit, die sie im Erwachsenenleben perfektioniert hat. Im heimlich gelesenen Tagebuch der Schwester konnte unsere Erzählerin lesen, dass Natalia ihr sogar den Tod gewünscht hatte. Doch Natalia hat an einem heißen Sommertag etwas viel schlimmeres getan, etwas, das ihre Schwester ihr ein Leben lang nicht verziehen hat. Sie hat Henriette getötet (um die Spannung nicht zu verderben, möchte ich an dieser Stelle nicht mehr über Henriette verraten). Die innerlich gebrochene Schwester verliebt sich zu Beginn des Buches ausgerechnet in einen Tierpräperator und fühlt sich, umgeben von ausgestopften Tieren und illusionierter Lebendigkeit erstmals seit vielen Jahren sicher und geborgen. Er ist der Mann, der Gestorbenem eine Geschichte verleiht. Es entwickelt sich eine unheilvoll-heilende Liaison zu dem nach „Jasmingeruch und Kirschtabak“ duftenden Mann, eine Mischung aus tiefem Vertrauen und düsterem, gewaltvollen Sex. Und irgendwann ahnt man, welche Richtung alles nehmen wird. Gruselig ist auch Steffen, Natalias kleiner Sohn, der heimlich gerne verbotene Videospiele zockt, in denen er Zombies töten kann und der in seinem Schulranzen ein Skizzenheft mit sich führt, in welches er zerstückelte Gliedmaße zeichnet. Auch er findet Gefallen am Präparieren von toten Tieren, sehr zum Missfallen seiner Mutter. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Unsere Romanheldin hat Geheimnisse, selbst ihr Name, den sie nicht einmal ihrem Geliebten offenbaren will, ist eines davon. Die Schrecken der Vergangenheit offenbaren sich nur langsam. Nach und nach erfährt der Leser mehr über die Geschichte der beiden sich hassenden Schwestern. Natalia ist auch als Erwachsene gemein, manipulativ und egozentrisch, während sich ihre Schwester mit fortschreitender Dauer der Erzählung von einer depressiven, außerhalb des Lebens stehenden jungen Frau in eine willensstarke, zerstörerische Rächerin verwandelt. Stück für Stück wird bis zum Finale an der Schraube gedreht, immer weiter abwärts. Es gibt so vieles in diesem Text zu entdecken, zu deuten und zu interpretieren. Alleine über die symbolische oder psychologische Bedeutung der Krähe könnte man an dieser Stelle eine Menge schreiben. In der Regel wird die Krähe als Unheilbringer gedeutet, als Verkünder von Tod und Untergang. Zugleich gilt sie aber als Krafttier im positiven Sinne. Im Buch selbst wird die Krähe in Bezug gesetzt zur indischen Totengöttin Kali, Herrin über Tod und Zerstörung, deren Begleittier die Krähe ist. Eine stilisierte Krähe ziert auch das reduziert gestaltete tolle Cover. Man kann sich aber auch einfach von der auf außergewöhnliche Weise erzählten Story packen und mitreißen lassen. Von mir jedenfalls eine klare Leseempfehlung. Wer möchte, kann sich auf Youtube übrigens einen kleinen Trailer zum Roman anschauen. Er vermittelt ein wenig die im Buch herrschende Grundstimmung.

Der Romanerstling von Isabella Feimer ist eine Wucht. Sprachgewaltig nimmt uns die Österreicherin mit auf eine dunkle Reise. Dabei kleiden wunderschöne Worte eine heftige, böse Geschichte in ein hypnotisches Gewand. Die Sogkraft des Textes entfaltet sich gleich von Anfang an und zieht den Leser bis zum schrecklichen Ende in den Bann. Geschuldet ist dies dem außergewöhnlichen Stil der Autorin und man fragt sich: wie schön kann man eine derart abtrünnige Story erzählen?

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Das vorliegende Romandebüt „Trophäen“ (erschienen im Wiener Braumüller Verlag) hebt sich vor allem durch seine sprachliche Eleganz deutlich aus der Masse von Veröffentlichungen hervor. Man muss das aber auch mögen: Ellenlange Sätze, die sich über zwei Seiten erstrecken, kreativ gesetzte Kommata, die nahezu jedes andere Satzzeichen verdrängen und die eher Gedankengänge als Worte und Satzteile untergliedern. Jeder Satz innerhalb der 46 Kapitel bildet zugleich einen eigenständigen Absatz. Zahlreiche Anaphern verleihen dem Text eine mantraartige Note. Diese und Ellipsen, denen bevorzugt Verben zum Opfer fallen, sind die vorrangig gewählten Stilmittel der Autorin. Dies konnte man bereits in ihrer kleinen „Novelle einer überschaubaren Apokalypse“ erkennen. Effektvoll dosierte Neologismen tragen ebenfalls zu dem kunstvoll arrangierten Gesamtgefüge bei. Worte wie „jugendstilverziert“ oder „schatzkistenversperrt“ stehen in ihrer Schönheit einer Shakespear´schen Wortkreation wie „unsternbedroht“ in nichts nach. Ein Text, der geradezu danach schreit, laut gelesen zu werden. Um das Ganze noch zu toppen, fügt Feimer ihrer Erzählung noch eine kafkaeske Wendung bei, denn die Protagonistin verwandelt sich langsam in eine Krähe. Höhepunkt ist dabei sicherlich das in den Text gewebte Gedicht „Was sieht die Krähe, wenn sie fällt?“.

Doch bei alledem hat „Trophäen“ mehr zu bieten als sprachliche Kunststücke. Als Leser erwartet man im Falle eines Romans vor allem eine ansprechende Handlung. Und die Geschichte, die hier erzählt wird, ist ein echter Horrortrip. Es geht um zwei Schwestern, deren Leben nicht unterschiedlicher sein könnten. Die namenlose Protagonistin hasst ihr „Schwesterchen“ (Natalia) seit der Kindheit, denn Natalia ist schon in jungen Jahren durchtrieben und bösartig, hat jedoch die Fähigkeit, ihre Umwelt nach Belieben zu manipulieren und mit allen Schandtaten davonzukommen. Eine Fähigkeit, die sie im Erwachsenenleben perfektioniert hat. Im heimlich gelesenen Tagebuch der Schwester konnte unsere Erzählerin lesen, dass Natalia ihr sogar den Tod gewünscht hatte. Doch Natalia hat an einem heißen Sommertag etwas viel schlimmeres getan, etwas, das ihre Schwester ihr ein Leben lang nicht verziehen hat. Sie hat Henriette getötet (um die Spannung nicht zu verderben, möchte ich an dieser Stelle nicht mehr über Henriette verraten). Die innerlich gebrochene Schwester verliebt sich zu Beginn des Buches ausgerechnet in einen Tierpräperator und fühlt sich, umgeben von ausgestopften Tieren und illusionierter Lebendigkeit erstmals seit vielen Jahren sicher und geborgen. Er ist der Mann, der Gestorbenem eine Geschichte verleiht. Es entwickelt sich eine unheilvoll-heilende Liaison zu dem nach „Jasmingeruch und Kirschtabak“ duftenden Mann, eine Mischung aus tiefem Vertrauen und düsterem, gewaltvollen Sex. Und irgendwann ahnt man, welche Richtung alles nehmen wird. Gruselig ist auch Steffen, Natalias kleiner Sohn, der heimlich gerne verbotene Videospiele zockt, in denen er Zombies töten kann und der in seinem Schulranzen ein Skizzenheft mit sich führt, in welches er zerstückelte Gliedmaße zeichnet. Auch er findet Gefallen am Präparieren von toten Tieren, sehr zum Missfallen seiner Mutter. Die Dinge nehmen ihren Lauf.

Unsere Romanheldin hat Geheimnisse, selbst ihr Name, den sie nicht einmal ihrem Geliebten offenbaren will, ist eines davon. Die Schrecken der Vergangenheit offenbaren sich nur langsam. Nach und nach erfährt der Leser mehr über die Geschichte der beiden sich hassenden Schwestern. Natalia ist auch als Erwachsene gemein, manipulativ und egozentrisch, während sich ihre Schwester mit fortschreitender Dauer der Erzählung von einer depressiven, außerhalb des Lebens stehenden jungen Frau in eine willensstarke, zerstörerische Rächerin verwandelt. Stück für Stück wird bis zum Finale an der Schraube gedreht, immer weiter abwärts.

Es gibt so vieles in diesem Text zu entdecken, zu deuten und zu interpretieren. Alleine über die symbolische oder psychologische Bedeutung der Krähe könnte man an dieser Stelle eine Menge schreiben. In der Regel wird die Krähe als Unheilbringer gedeutet, als Verkünder von Tod und Untergang. Zugleich gilt sie aber als Krafttier im positiven Sinne. Im Buch selbst wird die Krähe in Bezug gesetzt zur indischen Totengöttin Kali, Herrin über Tod und Zerstörung, deren Begleittier die Krähe ist. Eine stilisierte Krähe ziert auch das reduziert gestaltete tolle Cover. Man kann sich aber auch einfach von der auf außergewöhnliche Weise erzählten Story packen und mitreißen lassen. Von mir jedenfalls eine klare Leseempfehlung. Wer möchte, kann sich auf Youtube übrigens einen kleinen Trailer zum Roman anschauen. Er vermittelt ein wenig die im Buch herrschende Grundstimmung.

geschrieben am 30.11.2015 | 750 Wörter | 4472 Zeichen

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